Body Positivity – zwischen Stolz, Vorurteil und Risiko – AKE-Experte im Gespräch auf Ö1

Adipositas verstehen: Zwischen Body Positivity und medizinischer Realität

In der Ö1-Sendung „Body Positivity – zwischen Stolz, Vorurteil und Risiko“ wurde das Thema Körpergewicht aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet – medizinisch, gesellschaftlich, persönlich. Zu Gast waren Elisabeth Jäger (Selbsthilfegruppe Adipositas), Hilde Wolf (Psychologin), Martina Reuter (ehem. „Plus Size“-Model) und Felix Keil, Präsident der AKE, der zentrale pathophysiologische Zusammenhänge und aktuelle Entwicklungen einordnete.

Mehr als ein ästhetisches Thema

Ein wesentlicher Punkt der Diskussion: Körpergewicht ist nicht primär eine Frage des äußeren Erscheinungsbildes. Wie Felix Keil betonte, entscheidet vor allem die Verteilung des Fettgewebes über den Krankheitswert. Besonders das viszerale Bauchfett wirkt nicht nur als Energiespeicher, sondern als aktives entzündliches Organ.

Die Fettzellen können sich bei Überernährung massiv vergrößern, was zu einer schlechten Durchblutung und in weiterer Folge zu chronischen Entzündungsprozessen führt. Diese bleiben nicht lokal begrenzt, sondern beeinflussen den gesamten Organismus.

Adipositas als systemische Entzündungserkrankung

In der Sendung wurde deutlich, dass Adipositas weit über eine „Kalorienfrage“ hinausgeht. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Systeme:

  • entzündlich aktives Fettgewebe
  • Veränderungen im Darmmikrobiom
  • Prozesse in der Blutbildung (u. a. sogenannte CHIP-Mutationen)

Diese Faktoren verstärken sich gegenseitig und tragen dazu bei, dass chronische Entzündungen entstehen, die mit zahlreichen Erkrankungen assoziiert sind – von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Tumorerkrankungen.

Keil beschrieb dieses Zusammenspiel anschaulich als ein „Haus, das an mehreren Stellen gleichzeitig zu glimmen beginnt“.

Body Positivity – wichtig, aber nicht ausreichend

Die Body-Positivity-Bewegung hat wesentlich dazu beigetragen, Stigmatisierung zu reduzieren und Selbstakzeptanz zu stärken. Auch dieser Aspekt wurde in der Sendung klar anerkannt.

Gleichzeitig wies Felix Keil darauf hin, dass eine Entkopplung von Körpergewicht und Gesundheit problematisch sein kann. Eine rein akzeptanzorientierte Sicht darf nicht dazu führen, dass medizinische Risiken aus dem Blick geraten.

Die Herausforderung liegt daher in der Balance:

Weniger Stigmatisierung, aber mehr evidenzbasierte Aufklärung

Warum nimmt Adipositas zu?

Ein zentraler Treiber der aktuellen Entwicklung liegt laut Keil in den massiven Veränderungen unseres Ernährungssystems.

Während der menschliche Stoffwechsel über Jahrtausende auf natürliche, wenig verarbeitete Nahrung ausgelegt war, hat sich die Ernährung in den letzten 100 Jahren grundlegend verändert. Besonders ultrahochverarbeitete Lebensmittel spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Diese Produkte:

  • kombinieren Zucker, Fett und Zusatzstoffe in hoher Konzentration
  • fördern eine erhöhte Energieaufnahme (im Schnitt etwa +500 kcal/Tag)
  • beeinflussen das Sättigungsgefühl und Essverhalten
  • verdrängen gleichzeitig protektive Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte

Das Ergebnis: ein „Brandbeschleuniger“ für Entzündungsprozesse und Gewichtszunahme.

Epidemiologie: Ein wachsendes Problem

Die Zahlen verdeutlichen die Dimension:

  • weltweit ist etwa jeder achte Mensch adipös
  • in Österreich sind über 50 % der Bevölkerung übergewichtig oder adipös

Besonders kritisch ist die Entwicklung im Kindesalter, wo bereits früh metabolische Veränderungen auftreten.

Prävention statt Reparatur

Ein zentrales Anliegen ist die Verschiebung von einem rein therapeutischen hin zu einem präventiven Ansatz.

Derzeit fließt der Großteil der Ressourcen in die Behandlung von Folgeerkrankungen – während präventive Maßnahmen vergleichsweise wenig Gewicht haben. Dabei wäre gerade hier der größte Hebel.

Wichtige Ansatzpunkte sind:

  • Reduktion ultrahochverarbeiteter Lebensmittel
  • Fokus auf pflanzenbasierte, ballaststoffreiche Ernährung
  • Förderung des Darmmikrobioms
  • interdisziplinäre Zusammenarbeit in Prävention und Therapie

 Fazit

Adipositas ist eine komplexe, systemische Erkrankung, die weder durch einfache Erklärungen noch durch gesellschaftliche Zuschreibungen ausreichend erfasst werden kann.

Wie Felix Keil betonte, braucht es einen differenzierten Zugang, der Selbstakzeptanz und medizinische Evidenz miteinander verbindet. Ziel muss es sein, Stigmatisierung zu vermeiden und gleichzeitig die gesundheitlichen Risiken klar zu benennen – als Grundlage für eine wirksame Prävention und Therapie.

Foto: Pixaby by bru-no

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